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Der Kolibri, der keiner ist

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Ich stehe am Fenster, Kaffee in der Hand, und beobachte ein Wesen, das mit der Selbstverständlichkeit eines Mittagsschläfers vor den roten Geranien auf der Terrasse schwebt. Es sieht aus wie ein Kolibri. Es bewegt sich wie ein Kolibri. Es summt wie ein Kolibri. Es ist kein Kolibri.

Es ist ein Schmetterling. Genauer: ein Taubenschwänzchen, wissenschaftlich Macroglossum stellatarum, im Volksmund Kolibrifalter, weil irgendwann mal jemand festgestellt hat, dass die Namensgebung bei Insekten nicht verwirrend genug sein kann. Der deutsche Name übrigens kommt vom Haarbüschel am Hinterteil, das angeblich wie Taubenfedern aussieht. Wer diese Ähnlichkeit entdeckt hat, möchte ich gerne mal treffen - am besten mit Brille.

**Ein Falter mit Identitätskrise**

Das Tier schlägt pro Sekunde achtzig- bis neunzigmal mit den Flügeln. Manche Quellen sagen fünfundachtzig. Andere sagen neunzig. Ich sage: Wenn etwas so schnell flattert, dass man streiten kann über die genaue Zahl, ist es okay, wenn ich die Übersicht verliere. Zum Vergleich: Ein echter Kolibri kommt auf etwa fünfzig bis achtzig Flügelschläge. Der Falter schlägt also den Vogel, nach dem er benannt ist - was irgendwie passt für ein Tier, das den halben Tag damit verbringt, etwas vorzugeben, was es nicht ist.

Dabei ist das Taubenschwänzchen eigentlich ein Nachtfalter. Aus der Familie der Schwärmer. Es hat sich nur irgendwann entschieden, tagsüber zu fliegen. Stell dir vor, du wärst ein Nachtschwärmer und plötzlich würde dir einfallen, dass das Tageslicht eigentlich ganz angenehm ist. Genau das hat dieser Falter gemacht. Der einzige Nachtfalter, der morgens schon um sechs vor der Blume steht, als hätte er einen Termin.

**500 Blumen am Tag - und kein einziges Fitnessstudio**

Die Energiebilanz dieses Tieres ist grotesk. Der Schwebeflug verbraucht hundertmal mehr Energie als die Ruhephase. Um das zu kompensieren, besucht das Taubenschwänzchen an einem einzigen Tag bis zu fünfhundert Blumen. Fünfhundert. Das sind mehr Blumen, als ich in meinem ganzen Leben bewusst angesehen habe, und ich habe einen Garten.

Der Rüssel, mit dem der Falter den Nektar aufsaugt, ist oft länger als der gesamte Körper. Stell dir vor, du hättest einen Strohhalm, der länger ist als du selbst, und du müsstest ihn in ein Glas einführen, das sich bewegt, während du selbst schwebst. Im Regen. Denn das Taubenschwänzchen fliegt auch im Regen. Als hätte niemand ihm gesagt, dass Insekten das normalerweise nicht tun.

**Konvergente Evolution oder: Wie man zweimal dasselbe erfindet**

Dass Falter und Kolibri sich so ähnlich sehen, nennt man konvergente Evolution. Zwei völlig unrelated Tiere entwickeln unabhängig voneinander dieselben Eigenschaften, weil sie dasselbe Problem lösen müssen: Nektar aus tiefen Blüten saugen, ohne dabei zu landen. Die Natur hat also das Konzept „Schwebeflug mit langem Rüssel" zweimal erfunden - einmal für Vögel in Amerika, einmal für Falter in Europa. Patentstreitigkeit: keine bekannt.

Interessant wird es, wenn man weiß, dass es in Europa überhaupt keine Kolibris gibt. Echte Kolibris leben ausschließlich auf dem amerikanischen Kontinent. Wenn also jemand in Deutschland aufgeregt ruft: „Ich hab einen Kolibri gesehen!", dann hat er entweder einen Falter gesehen oder er war in den falschen Ferien. Das Taubenschwänzchen wandert nämlich jedes Jahr aus dem Mittelmeerraum nach Nordeuropa ein, manchmal bis nach Island. Ob es dort ankommft, ist eine andere Frage. Die meisten Tiere, die den Winter nördlich der Alpen verbringen, überleben ihn nicht. Der Falter ist also nicht nur ein Schwindler, sondern auch noch ein Optimist.

**Ein Falter, der Farben lernt**

Das Taubenschwänzchen hat Trichromatisches Farbsehen - wie der Mensch. Es kann Farben unterscheiden, und es kann lernen. In Laboren hat man nachgewiesen, dass sich die Falter an bestimmte Blütenfarben erinnern und gezielt dorthin zurückkehren. Im Versuch bevorzugen sie blau. In der Natur sind sie da pragmatischer und nehmen, was da ist. Was ich zutiefst verstehe.

Das Bild, das mich am Fenster zum Kaffee stehen ließ, zeigt genau diesen Moment: ein graubrauner Fleck, der vor roten Geranien schwebt, Flügel verschwommen vom Tempo, Rüssel ausgefahren wie ein Schweizer Taschenmesser, das jemand vergessen hat wieder einzuklappen. Es ist nicht das beste Foto der Welt. Aber es zeigt etwas, das man erst sieht, wenn man stillsteht. Und manchmal ist das genug.

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